Leitantrag: Strukturen stärken, Verankerung schaffen, Gesellschaft organisieren – unsere Aufgaben nach der Bundestagswahl


Die Bundestagswahl 2025 war für die uns nahestehende Partei Die Linke und für die sozialistische Bewegung insgesamt ein großer Erfolg: Während lange allgemein damit  gerechnet wurde, dass Die Linke es nicht erneut in den Bundestag schafft, konnte sie  mit 8,7% sogar ein sehr gutes Ergebnis erreichen und insbesondere hier bei uns in NRW ein Rekordergebnis einfahren. Besonders freuen wir uns, dass unsere Jugendkandidatin Kathi Gebel nach einem beeindruckenden Wahlkampf ab jetzt im Bundestag sitzt. Viel wichtiger als das gute Wahlergebnis ist aber der Aufschwung bei den Mitgliederzahlen: Sowohl Die Linke als auch wir als Linksjugend [‘solid] NRW konnten unsere Mitgliederzahlen drastisch steigern und befinden uns damit in einer völlig neuen Situation. Ein Möglichkeitsfenster für den Aufbau einer sozialistischen Massenbewegung tut sich auf.

Dieser Aufschwung ist das Resultat der strategischen, organisatorischen und  personellen Erneuerung der Linken, die es ihr ermöglicht hat, ihre Stärken besser  auszuspielen und ihre Schwächen ernsthaft anzugehen. Unser Wahlerfolg war nicht nur  das Ergebnis günstiger Umstände, sondern vor allem das Ergebnis von systematischem Aufbau von Verankerung, kluger Strategie, rigoroser Fokussierung und gelungener medialer Zuspitzung.

In unserem letzten Leitantrag haben wir festgestellt, dass es der politischen Linken  an Verankerung in Betrieben und Stadtteilen fehlt und wir zu weit weg von den alltäglichen Problemen der Menschen sind. Das ist weiterhin der Fall, mittlerweile  arbeiten wir aber systematisch daran. Viele Basisgruppen setzen unseren Schwerpunkt  auf Klassenpolitik bereits in ihrer Praxis vor Ort um und versuchen, sich in abgehängten Stadtteilen und Regionen zu verankern und durch vielfältige Arbeit daran mitzuarbeiten, eine soziale Basis für linke Politik wiederaufzubauen. Für uns gilt es  jedoch jetzt, diese Arbeit vor Ort systematisch auszubauen und zu unterstützen. Mit vielen neuen Mitgliedern und Basisgruppen haben wir viele neue Möglichkeiten – wenn wir sie nutzen.

Drei Arbeitsschwerpunkte für die Basisgruppe

Um diese strategische Ausrichtung konkret umsetzen zu können, wollen wir die Basisgruppen dazu ermutigen, sich auf ein-zwei der folgenden Arbeitsfelder zu konzentrieren und hier einen Fokus in ihrer Arbeit zu legen. Zu allen drei Feldern wollen wir als Landesverband Unterstützungs- und Austauschangebote erarbeiten.

Vorpolitische Arbeit

Als Jugendverband liegt eine besondere Stärke von uns darin, niedrigschwellige und einladende Angebote zu machen, durch die junge Menschen in Kontakt und ins Gespräch mit uns kommen können. Solche Angebote lassen sich unter dem Stichwort „vorpolitische  Arbeit“ zusammenfassen. Darunter zählen z.B. Spieleabende, Liederabende, gemeinsames Frühstück, Kleidertauschpartys, Soli-Partys, Sommerfeste u.v.m.

Solidarische Praxis

Viele Basisgruppen überlegen bereits, Angebote der solidarischen Praxis zu schaffen, die konkret Menschen helfen, zum Beispiel eine Küche für alle, Hausaufgabenhilfe, Bafög-Beratung oder ähnliches. Solche Angebote können viel dabei helfen, als politische Linke Gebrauchswert und Glaubwürdigkeit zu gewinnen und dem Kapitalismus konkret etwas entgegenzuhalten.

Stadtteilarbeit

Um dem Rechtsruck etwas entgegenzusetzen und die Menschen zu erreichen, die wir als  politische Linke in den letzten Jahren viel zu wenig erreicht haben, setzen wir auf systematische Arbeit in prekären Stadtteilen. Linke Stadtteilarbeit ist prinzipiell eine Kombination von mehreren dieser fünf  Handlungsbereiche:

1. Regelmäßige Präsenz im Stadtteil, z.B. durch monatliche oder wöchentliche Stände.
2. Organizing anhand konkreter Konflikte, z.B. gegenüber einem großen Vermieter,  der sich besonders ausbeuterisch verhält.
3. Aufsuchende Methoden, um in den Austausch zu kommen, z.B. Haustürgespräche.
4. Konkrete Solidarität, z.B. Sozialberatung.
5. Arbeit im vorpolitischen Raum, z.B. Stadtteilfeste.

Da, wo Stadtteilarbeit systematisch stattfindet, bringt sie oft große Erfolge mit sich. Durch Stadtteilarbeit können wir Vertrauen aufbauen, uns aber auch selbst näher  an die Alltagsprobleme bringen.

 Schulung & Integration von Neumitgliedern

Wir haben in den letzten Monaten unsere Mitgliederzahl drastisch erhöhen können. Das ist fantastisch, garantiert aber allein nicht, dass wir dieses Wachstum auch in gesteigerte Handlungsfähigkeit überführen können. Dafür müssen Neumitglieder systematisch eingebunden und qualifiziert werden, was ein Schwerpunkt für alle  Basisgruppen sein muss. Wichtige Bausteine dafür, dass dies gelingen kann, sind:

– Eigene Strukturen zur Neumitgliedereinbindung in den Basisgruppen, z.B. ein Mentoring-Programm, Spiele- oder Kneipenabende für Neumitglieder oder „Linksjugend 101“-Treffen, wo man zentral Informationen über die Linksjugend und  ihre Arbeit vor Ort erhält.
– Einsteiger:innenfreundliche Schulungsangebote über die theoretischen, politischen und strategischen Grundsätze unseres Verbands und zur Vermittlung grundlegender praktischer und organisatorischer Fähigkeiten.
– Eine offene Verbandskultur, welche Neumitgliedern eine angenehme Teilhabe  ermöglicht, in welcher sich auch Unerfahrene an Diskussionen beteiligen können, ohne sich ausgeschlossen zu fühlen, sondern von der Gruppe eingebunden werden und theoretisches Grundwissen weitergegeben wird. Besonders informelle und formelle Führungspersonen sind in der Verantwortung, hier als Vorbilder für eine  einladende und offene Kultur einzutreten und Mitglieder zu motivieren sich auch über ihrer Basisgruppe hinaus in der Linksjugend zu engagieren. Die Verantwortung liegt hierbei auch darin zu vermeiden, Mitglieder, denen die Erfahrung oder Kapazitäten fehlen, in eine Amtsposition zu drängen, sondern diese zu qualifizieren und sie bei ihrer eigenen Initiative zu unterstützen.
– Eine feministische Verbandsstrategie, die sicherstellt, dass auch Frauen und Queers sich bei uns wohl fühlen. Oft übernehmen Männer schneller automatisch und unhinterfragt Führungsrollen, oft bilden sich unbemerkt und unbeabsichtigt  Männerbünde heraus. Durch Projekte wie das „Women Self Defense“-Programm und  andere Ansätze zur Frauenförderung wollen wir diesem Problem gezielt entgegentreten.

Bildungsarbeit verstetigen

Unsere Verantwortung liegt besonders in einer Phase des Aufschwungs darin Neue und teils noch unerfahrene Mitglieder in die Linksjugend einzubinden, mit unseren politischen Grundlinien vertraut zu machen, deren Engagement zu stärken und ihre  Meinung zu festigen. Aber auch die Weiterbildung erfahrenerer Mitglieder muss ebenso ein Fokus sein. Theoriearbeit ist nur ein Teilaspekt erfolgreicher politischer  Arbeit, aber ein wichtiger Faktor, um zielgerichtet zu agieren. Jede Basisgruppe sollte sich nicht nur praktisch, sondern auch theoretisch mit Klassenpolitik auseinandersetzen, denn ohne theoretische Auseinandersetzung droht Praxis zur Pseudo- Praxis zu werden. Wir wollen in allen Basisgruppen Raum für Bildung und Diskussion zu den politischen Standpunkten der Basisgruppe schaffen.
 
Vor uns liegen spannende Monate mit vielen Herausforderungen, vielen Chancen und voraussichtlich ziemlich viel Stress. Der Sozialismus ist es aber wert, sich diesen Aufwand zu machen. Und diese Herausforderungen wollen wir nicht alleine angehen, sondern uns gegenseitig unterstützen mit unserer Kraft, mit unseren Herzen, mit unserer Kreativität. Linksjugend [‘solid] heißt auch, füreinander einzustehen und füreinander da zu sein.
Niemals alleine, immer zusammen!